Klara Hirn ist unser ältestes Gemeindeglied. Sie wurde am 14. Mai dieses Jahres 100 Jahre alt! Noch mit 99 besuchte sie fast regelmäßig unsere Gottesdienste. Seit einigen Monaten wohnt sie nun im Altenheim im Remchingen.

Aus Anlass ihres runden Geburtstages, den in unserer Gemeinde vorher noch nie jemand erreicht hat, drucken wir ein Interview aus dem Jahr 2011 ab, das Christiane Ratz damals mit ihr führte.

 

Klara Hirn ist mit ihren 93 Jahren das älteste Gemeindeglied, das immer noch regelmäßig die Gottesdienste der CGEllmendingen/Albkreis e.V. besuchen kann.

Das war einer der Gründe, warum ich es höchste Zeit fand, sie um ein Gespräch für den Gemeindebrief zu bitten. Ein zweiter wichtiger Grund ist, dass sie zwar relativ unauffällig ist, aber mir doch sehr im Bewusstsein. Sie ist regelmäßig im Gottesdienst und obwohl sie kein offizielles Amt hat, nimmt sie großen Anteil am Gemeindeleben. Wenn jemand heiratet, wird er auf jeden Fall beschenkt (davon zeugen auch die zahlreichen Hochzeitsfotos junger Paare, die ihr Wohnzimmerbuffet schmücken), und auch mich lässt sie nicht unbeschenkt wieder heimgehen. Wobei dieses Gespräch für mich an sich schon ein kostbares Geschenk ist.

 

Klara, wie war deine Hochzeit?

Wir hatten eine Kriegstrauung. 1943 war mein Mann einmal auf Heimaturlaub und da haben wir geheiratet. Wir hatten aber schon ungefähr zwei Jahre lang eine Beziehung. Er war Schmied und hat als Knecht in Ellmendingen gearbeitet. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als unsere Freundschaft begann. Ich kam von der Arbeit und er ist mir am Bahnhof begegnet und von dort hat er mich heim begleitet. Er hatte wohl schon vorher ein Auge auf mich geworfen.

 

Hattest du auch einen Beruf?

Nein, aber ich habe fünf Jahre in Brötzingen Maschinen bedient. Das war ein Familienbetrieb, in dem ich mich sehr wohl fühlte, da meine Arbeitgeber auch gläubige Christen waren. Allerdings haben wir für die Rüstung, den Krieg gearbeitet, wie viele Betriebe damals. 1944 habe ich dort aufgehört, als mein Sohn Reinhard zur Welt kam. Leider hat er seinen Vater nicht kennengelernt.

 

Ist dein Mann im Krieg gefallen?

Ja, wahrscheinlich. Er war zur Geburt von Reinhard das letzte Mal zu Hause, leider war ich da krank mit einer Lungenentzündung. Am 1. Januar 1945 habe ich das letzte Mal Post von ihm bekommen. In den Wochen danach habe ich immer sehr unruhig geschlafen. Eines Nachts hörte ich ihn laut meinen Namen rufen. Ich könnte mir vorstellen, dass er um diesen Zeitpunkt ums Leben gekommen ist. Denn danach wurde ich wieder ruhiger. Trotzdem habe ich immer gehofft und gewartet, dass ich eine Nachricht von ihm bekäme – was leider nicht der Fall war.

 

So musstest du euren Sohn alleine groß ziehen?

Ja, aber zunächst habe ich beim Einmarsch der alliierten Truppen alles verloren, denn in dem Viertel, in dem ich gewohnt habe, sind alle Häuser abgebrannt. So sind wir in das Haus meiner Mutter und ihrem zweiten Mann zurückgezogen. Hier gab es viel zu tun, denn sie hatten eine große Landwirtschaft. (Anmerkung: Heute wohnt sie immer noch in diesem Haus in Ellmendingen.)

 

Womit hast du deine Freizeit als Jugendliche verbracht?

Na, ich hatte so gut wie gar keine freie Zeit. Meine Mutter hat, als ich vier Jahre alt war, einen Witwer geheiratet. Sie hatte sehr viel Arbeit auf dem Acker, mit den Tieren und den Kindern. Da waren die Kinder aus meines Stiefvaters erster Ehe, von denen der Älteste auch schon verheiratet war und kleine Kinder hatte, ich und mein Bruder Heinrich, der vier Jahre älter ist, und die drei Kinder, die sie noch gemeinsam bekamen. Das Haus war also voller Kinder und ich hatte sie immer zu betreuen, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Trotzdem fand ich noch ab und zu etwas Zeit zum Lesen und auch gesungen haben wir sehr, sehr viel.

 

Was hast du gelesen?

Ich mochte besonders die Bücher von Käthe Papke. Sie haben mich sehr beeinflusst und den Glauben und das neue Leben, von denen in den Büchern die Rede war, das wollte ich auch haben. Und so habe ich im Alter von 16, 17 Jahren ganz alleine für mich mein Leben Jesus gegeben.

 

Welche Rolle spielte der Glaube in deinem Elternhaus?

Meine Eltern waren gläubig und besuchten die lutherische Gemeinde. Bei Versammlungen wurden manchmal die Predigten, die die Brüder vom Krieg nach Hause schrieben, vorgelesen. Das war nicht so interessant für junge Menschen.

 

Wie kamst du schließlich in die Christliche Gemeinschaft?

Immer wenn ich am „Säle“ (Anmerkung: Ausdruck alter Ellmendinger Einwohner für das Haus, in dem die Versammlungen der CG stattfanden und –finden) vorbei ging und hörte, wie dort gesungen wurde, hat mir der Gesang gefallen. Dann waren dort drei Abende, an denen die Jüdin Helene Wyman aus ihrem Leben erzählte, das war spannend. Und da es mir insgesamt so gut gefallen hat, bin ich von da an immer dort hingegangen.

 

Du musstest also ohne Mann, als allein erziehende Mutter, euren Sohn groß ziehen.

Das war und ist bis heute noch schwer für dich. Warum?

Reinhard entwickelte, obwohl er ein fröhliches Kleinkind war, mit 13 Jahren eine psychische Krankheit. Er lief oft von Zuhause weg, war sehr unruhig. Zwischen seinem ersten Arztbesuch und der Einweisung nach Tübingen verging viel zu viel Zeit. Als wir dort ankamen, unterzogen sie ihn einer Schocktherapie, um ihn ruhig zu bekommen. Das war zu viel für ihn.

Danach redete er kaum noch. Aber singen kann er. Viele christliche Lieder, die wir gesungen haben, kann er auswendig. Und so lobt er Gott auf diese Weise. Inzwischen wohnt er in einem Heim.

 

Klara, was mir an dir schon immer aufgefallen ist und gefällt, ist deine heitere Gelassenheit. Hast du nie mit Gott gehadert, dass er dir das alles zugemutet hat?

(Klara nickt) Ich muss alles aus Gottes Hand nehmen und andererseits auch in seiner Hand lassen. Es wurde viel für Reinhard gebetet, aber ich konnte trotz all meiner Fragen meine Sorgen in Gottes Hand lassen. Ich habe in den ganz schwierigen Situationen (Reinhard ist oft von zuhause abgehauen und wurde manchmal erst Stunden oder Tage später wieder gefunden) immer wieder Gottes Hilfe erfahren. Es ist immer gut ausgegangen.

(Reinhard ist vor einigen Jahren gestorben.)

 

Klara, was hat über die Jahre deinen Lebensinhalt ausgemacht?

Ich habe mich immer um Menschen gekümmert und sie betreut. Ich habe so meine Aufträge. Als ich vor kurzem meine einzige noch lebende Schulkameradin besucht habe, hat sie gemeint: „Du bist ja wie ein Pfarrer mit deinen Bibelsprüchen.“ (Klara lacht) Ich bitte Gott, dass ich ein Lob seiner herrlichen Gnade bin.

 

Obwohl du vor 20 Jahren einen Herzinfarkt hattest und auch schlecht siehst, lässt du dich nicht abhalten, auch Leute im Altenheim zu besuchen.

Man erntet, was man sät. Ich bin so froh, ich habe immer anderen geholfen und nun bekomme ich viel zurück. Denn mir helfen auch viele und dafür bin ich sehr dankbar.

 

Spontan fällt Klara noch dieser Liedvers ein, den sie auch schon als Jugendliche daheim gesungen hat und der wohl ihre Einstellung zum Leben ziemlich deutlich widerspiegelt:

 

Lass mich an anderen üben,

Was du an mir getan,

Und meinen Nächsten lieben,

Gern dienen jedermann.

Ohn‘ Eigennutz und Heuchelschein

Und, wie du mir erwiesen,

Aus reiner Lieb allein.

 

Danke Klara, dass du dir die Zeit genommen hast, obwohl du, wie du mir gesagt hast, selbst im Alter manchmal in Hektik bist.