Karin (56) ist eine Frau für das Feine. Als Schmuckdesignerin und Künstlerin fasziniert sie Schönheit, die im Detail liegt. Während ihrer derzeitigen Ausbildung zur beratenden Seelsorgerin wächst ihre Aufmerksamkeit gegenüber Menschen, die sie begleitet, um verschüttete Schönheit auszugraben und zum Strahlen zu bringen.

Karin ist seit 25 Jahren mit Gerd (53, Steuerberater, stellv. Vorstand und Mitglied der Leitung in der CG Ellmendingen) verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder.

 

 

Das Symbolbild der CG-Ellmendingen zeigt einen roten Quader, der die Form des Gemeindehauses wiedergibt, ausgespart die Form eines Baumes. Dieser Baumein japanischer Fächerahornwurde aus KarinVorgarten in Weiler zur CG nach Ellmendingen verpflanzt.

Karin, was fasziniert dich an Pflanzen wie z.B. diesem Baum?

 

Es sind die vielen unterschiedlichen Details, die sich Gott ausgedacht hat, die mich zum Staunen bringen. Wenn ich mit Gerd spazieren gehe, bleiben wir oft stehen und erfreuen uns an Gottes wunderbarer Schöpfung. Diese Schönheit ist für mich wie die Luft zum Atmen.

Ich freue mich sehr, dass der Fächerahorn die Umpflanzaktion überstanden hat und angewachsen ist – das war wirklich fraglich. Solche alten Bäume sind empfindlich und seine Wurzeln wurden zwangsläufig stark gekürzt und verletzt.

 

 

Stichwort  Wurzeln – wo kommst du her und wer bzw. was hat dich sehr geprägt?

 

Ich bin mit meiner älteren Schwester in Weiler aufgewachsen. Den christlichen Glauben kannte ich hauptsächlich durch meine Oma, die oft mit uns betete. Mein Opa war im AB-Verein („Evangelischer Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses“). Er las viel in der Bibel. Meine Mutter hat auch an Gott geglaubt und gebetet, aber wenig darüber gesprochen, da mein Vater mit „christlich“ ein Problem hatte.

Als ich 13 Jahre alt war, wurde meine Mutter (mit 38) am Herzen operiert und starb kurz nach der OP. Das war besonders schwierig, weil ich gerade zu der Zeit meine Mutter gebraucht hätte, um meine Fragen mit ihr zu besprechen.

Mein Vater nahm mich vom Gymnasium und besorgte mir eine Lehrstelle. Er beschloss: „Du bist geschickt mit den Händen und wirst Goldschmiedin“.

 

 

Auch Gerds Mutter ist viel zu jung gestorben. Wie hast du ihn kennengelernt?

 

Gerd wohnte eine Straße weiter, als Kinder kannten wir uns vom Sehen. Nachdem ich zurück nach Weiler gezogen war, bekam ich über meine Tochter Kontakt mit Gerds Familie. Dann habe ich ihn in meinem Hauskreis wiedergesehen.

 

 

Deine Mutter ist ja sehr früh verstorben – was half dir damals?

 

Für meinen Vater war es sehr schwer, auf einmal alleine für zwei heranwachsende Mädchen zu sorgen. Ich habe mich sehr verlassen und alleine gefühlt.

Gott mein Herz ausschütten, war das Einzige, was mir geholfen hat.

 

 

Wie sah damals dein Alltag aus?

 

Ich bekam ein Angebot, als Schmuckdesignerin zu arbeiten, das ich gerne annahm. Als meine Tochter geboren wurde, versprach mir mein Chef, diesen Platz ein Jahr für mich freizuhalten – ich habe mich aber für mein Kind entschieden, wollte für es da sein und bin drei Jahre in „Mutter-Zeit“ gegangen. In dieser Zeit bekam meine Tochter eine lebensbedrohliche Krankheit und wir waren mehr als acht Wochen im Krankenhaus – das Einzige, was mir damals Halt  gab und mir gut tat, war das Beten. All meine Not sprach ich vor Gott aus.

Damals wusste ich nicht, dass man zu Gott eine persönliche Beziehung haben kann. Deshalb war mir nicht bewusst, dass ich mich, nachdem diese schwere Zeit vorbei war, auch hätte bedanken können.

Nach meiner „Mutter-Zeit“ fand ich sehr schnell wieder Arbeit als Schmuckdesignerin und Modellmacherin. Das war wirklich ein Geschenk. Ich habe am Vormittag gearbeitet und mein Kind besuchte einen Hort. In dieser Zeit nahm ich gerne die Einladung einer Freundin an, die mich zu Aglow, einem christlichen Frauentreff in Pforzheim mitnahm. Diese Abende taten mir gut. Je mehr ich die Leute kennenlernte, desto mehr wurde mir bewusst, dass sie etwas hatten, das ich auch wollte, JESUS. Bald wurden mir die monatlichen Treffen zu wenig und ich sehnte mich nach mehr Gemeinschaft.

 

 

Du hast also sehr viel gekämpft, um das Gute in dein Leben hereinzuholen?

 

Ja, deshalb bin ich, mit vielen Vorbehalten, irgendwann in einen Hauskreis gegangen. Bevor ich die Gruppe kennenlernte, dachte ich: Du passt dort eh nicht hin. Aber ein Hauskreismitglied hat mich eines Besseren belehrt, so wie er dort auf dem Boden lümmelte und betete: „Danke Herr, dass du mich siehst und hörst, auch wenn ich Mist mache. Und dass du mich trotzdem lieb hast…“

Ich hatte die Vorstellung gehabt, die sind dort so heilig, da passe ich nicht dazu, aber das waren Menschen, genauso fehlbar wie ich und dennoch angenommen. Diese Gemeinschaft und die Gespräche im Hauskreis taten mir sehr gut und ich fühlte mich sehr wohl.

 

 

Haben Gott und der Glaube etwas an dir und deinem Sein“ verändert?

 

Ich hatte einige Aussagen/Festlegungen über mich in mir als Wahrheit abgespeichert. Aber das waren keine Wahrheiten, sondern Lügen, die ich glaubte. Das war mir so nicht bewusst. Als ich das erkannte und Stück für Stück diese „Wahrheiten“ angeschaut und als falsch entlarvt habe, hat meine Seele begonnen, heil zu werden.

Es ist bekannt, wie prägend Eltern und Herkunftsfamilie sind. Wir können ein Leben lang sagen, mein Vater, meine Mutter oder sonst jemand ist schuld. Ich durfte lernen zu vergeben, statt Schuld zuzusprechen. Dazu habe ich seelsorgerliche Gespräche in Anspruch genommen. Sie halfen mir unter anderem, das Handeln meines Vaters besser zu verstehen. Ich sah dabei auch seine Not und konnte ihm mit Jesu Hilfe vergeben. Das war sehr befreiend.

D.h., das Schöne ist, man muss nicht so bleiben, wie man ist, man kann versöhnt werden und schließlich befreit leben.

 

 

Gibt es eine Lüge, die dir immer noch zu Schaffen macht?

 

Ich hatte geglaubt, nichts wert zu sein, wenn ich nichts tue und mich ausruhe. Das „Nichtstun“ war für mich gleichgesetzt mit „Faulheit“. Bis heute neige ich dazu, mich zu überfordern. Es war für mich befreiend zu erkennen, dass ich dennoch wert bin, auch wenn ich mich ausruhe oder ein Buch lese.

Keinen Wert zu haben ist eine Lüge! Denn schließlich ist man nicht erst etwas Wert, wenn man etwas tut bzw. leistet. Jeder Mensch ist gleich – wert, egal ob er am Straßenrand sitzt mit dem Becher in der Hand oder ob er Chef über viele Angestellte ist, ob arm oder milliardenschwer.

 

 

Was war der Auslöser, dass dir Seelsorge so wichtig wurde?

 

Vor ungefähr zehn Jahren hatte ich „heiße Knoten“ in der Schilddrüse. Eine Überversorgung mit Jod brachte mich völlig durcheinander. Bis man herausfand, was mit mir los war, vergingen etliche Monate. Als es mir wieder gut ging, war ich psychisch sehr angegriffen. Ich begann Seminare von ICL (Christliche Lebensberatung) zu besuchen und habe dann beschlossen, eine Ausbildung in der Individualpsychologischen Seelsorge zu beginnen.

Heute begleite ich Menschen, damit diese sich selbst besser verstehen und Veränderung in ihrem Leben konkret wird.

Meist knabbert und leidet man immer an denselben Fragen und Verletzungen und dreht sich deshalb immer im Kreis. Durch gezieltes Fragen und die Antworten des Ratsuchenden, versteht dieser besser, wo die Ursachen liegen. Man erarbeitet Korrekturen, die ihm helfen, im Leben weiter zu kommen. Das war für mich so wertvoll, dass ich andere gerne unterstützen möchte, neue Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Ich kann jedem eine Seelsorge, in der er die Möglichkeit hat, sich zu reflektieren und sich selbst besser kennen zu lernen, nur empfehlen. Dabei geht es nie um Beratung, der „Ratsuchende“ erkennt sich selbst und sieht selbst seine Antworten und Möglichkeiten.

 

 

Hast du auch schon von Gott direkt Seelsorge erfahren?

 

Gott hat an vielen Stellen zu mir gesprochen und tut es immer wieder. Zum Beispiel im Lobpreis. Wir haben vor einiger Zeit das Lied „Allein deine Gnade genügt“ gesungen. Ich war in der Zeit sehr kritisch mit mir unterwegs. Dann kamen die Worte „du musst dich nicht länger um Liebe bemühen…“. Und plötzlich wurde mir wieder bewusst, was Gott von mir möchte. „Leg alles ab in meine Hand und ruh im Vertrauen zu mir!“ Gott schenkt mir seine Liebe, einfach so.

 

Gott spricht mich auf viele Arten an und immer wieder anders: Über Bibelstellen, im Lobpreis, in der Natur, beim Autofahren… wo auch immer Er möchte. Er ist mein Abba, der mich sieht, mich liebt, der meine Nöte kennt.

In unserer 25jährigen Ehe haben wir erfahren, dass unser Gott uns die Liebe schenkt, zueinander oder zu anderen. Immer wieder neu. Das hat mir eine Freundin, die Er mir schon vor vielen Jahren geschickt hat, damals schon gesagt.

Ich bin überzeugt, wenn Ehen kriseln und wir in dieser Situation die Entscheidung treffen, ein „Ja“ zu unserer Ehe zu haben und daran zu arbeiten, tut Gott das Seine dazu.

 

 

Das Gespräch führte Christiane Ratz – vielen Dank, Karin, für Deine Offenheit!