Wir schaffen sie nur selten – die gemeinsame Familien-Andacht. Neulich hat es dann aber doch mal wieder geklappt und prompt sind wir hängengeblieben. Am Wort „nachsichtig“. Je nach Bibel-Übersetzung wird es an verschiedenen Stellen im Zusammenhang mit „sanftmütig“ oder „geduldig“ verwendet.

Ich finde spannend, wie Wörter im Lauf der Zeit ihre eigentliche Bedeutung verändern oder gar umkehren können. Unter „Nachsicht“ würden wir heute ja verstehen, wenn man es mit schlechten Eigenschaften oder Sünden Anderer nicht so genau nimmt. Nicht so genau hinsieht. Ein Auge zudrückt. Eigentlich meint Nachsicht aber das Gegenteil: Gott ist nach-sichtig, gerade weil er genau hinsieht. Noch einmal nachsieht. Nicht auf den ersten Blick verurteilt, pauschale Maßstäbe anlegt, sondern uns mit unserer ganzen Geschichte im Auge hat. Er schickt alle weg, die uns steinigen wollen und nach dem Punkt des Gesetzes vielleicht sogar recht damit haben, dann kommt er unter vier Augen auf den Punkt. Auf Deinen und meinen Punkt.

Er ist ein gerechter Richter, da haben die Fundamentalisten unter uns schon Recht. Allerdings sieht die Gerechtigkeit Gottes exakt so aus: Sie kennt – Stand September 2018 – rund 7,644.278 Milliarden Wahrheiten. Sichtweisen. Standpunkte. Biografien.

Es ist der Lieblingssatz kleiner Kinder, wenn sie nicht dasselbe bekommen wie Geschwister oder Freunde: Das ist so ungerecht! Gottes nachsichtige Gerechtigkeit kennt aber keine Gleichheitsgrundsätze, hier bekommt stattdessen jeder, was er braucht. Was er „verdient“. Was ihn froh und frei macht. Was zu ihm spricht. Seine Wahrheit. Gottes nachsichtige Gerechtigkeit bedeutet nämlich: Er wird jedem Einzelnen gerecht.

Das Problem ist, dass wir mit unserer (!) vermeintlich (!) bibeltreuen (?) Auslegung der einen (?) Wahrheit im Umgang mit unserem Nächsten eigentlich immer daneben liegen. Mit Gottes Nachsicht haben wir große Probleme. Wie kann es sein, dass etwas für den Einen stimmt und den Anderen nicht? Götzenopferfleisch essen oder nicht – das heißt heute nur anders, aber die Fetzen fliegen immer noch. Besonders wenn es um Moral und Anstand, um gebrochene Tabus und anscheinend verschobene Maßstäbe geht, pflegen wir immer wieder denselben Mechanismus: Regeln formulieren, Grenze ziehen, fertig. Das ist so schön leicht, und gut als frommes Mühen zu verkaufen. Dabei aber Verantwortungs-los und Gott-los.

Eigentlich wissen wir ja: Wenn du willst, dass jemand etwas tut – verbiete es ihm ausdrücklich. Wenn du willst, dass jemand Grenzen überschreitet – definiere sie mit Stacheldraht und Beton. Aus wohlmeinender Sorge (oder frommer Besserwisserei, die Grenzen sind da leider fließend) neigen wir Christen zu grobem Unfug. Wir haben Werte von jedem Wert entkernt, Symptome kuriert statt Heilung für Krankheit zu suchen, Hindernisse aufgebauscht statt Chancen und Wunder zu sehen. Ich meine übrigens mich selbst: Wie oft habe ich nicht schon über Geschiedene geurteilt, über andere Eltern, über Ältere, Jüngere, lange und kurze Röcke, Dicke, Dünne, Kranke oder Gesunde – am intensivsten übrigens dann, je weniger ich vom Anderen wusste. Ich schäme mich dafür.

Und wie kommen wir da raus? – Wir sollten uns immer wieder mit 1. Korinther 13 impfen. Liebe ist nach-sichtig. Liebe ist an der Wahrheit interessiert und nicht am Rechthaben. Liebe kann auch mal was schiefgehen lassen. Liebe macht sich Mühe. Liebe versucht es wieder und wieder. Liebe hört zu, statt zu reden. Liebe setzt frei. Gott setzt frei.

Johannes Riegsinger